Thursday, 18. october 2007
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Meine Honorarnichte ist nicht gerade auf den Mund gefallen. Und dumm kommen sollte man ihr besser auch nicht, andererseits macht genau das ihren Charme aus, mit ihren
vierzehn Jahren. Neulich zoffte sie sich mit ihrem Französischlehrer, einem mexikanischen Kollegen einer öffentlichen Schule irgendwo in der Ciudad. Hartnäckig bestritt sie seine Kompetenzen,
besonders die mündlichen. Und als offenbar nichts so recht fruchten wollte, rief sie "Also ich habe einen französischen Onkel, der im IFAL lehrt, und dem sein Französisch klingt ziemlich
anders!"
Und zack. Der Kollege muss ziemlich blöde aus der Wäsche geguckt haben. Aber okay: der Kollege mag ein Vollidiot sein oder nicht, deswegen muss meine Nichte ihm nicht zwingend bannspruchgleich die
kompetentere Pseudo-Verwandtschaft entgegenschleudern. Ein Lehrer einer öffentlichen mexikanischen Schule kann sich mit seinem Hungerlohn nicht ohne Weiteres einen Sprachaufenthalt in Frankreich
leisten. Mit etwas Glück schafft er's bis Quebec, vorausgesetzt, er nimmt den Bus. Französisch lernt er mit den kärglichen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, und doch reichen diese für eine
feste Anstellung in einer öffentlichen Schule. So gesehen ist das Argument meiner Nichte ungerecht.
Konsequenz: Nachhilfe jeden Donnerstag beim Onkel dessen-Französisch-so-anders-klingt. Und bei der Gelegenheit erhielt ich einen Einblick dessen, was sich in mexikanischen Klassenräumen so
abspielt. Unterricht auf spanisch, weder französisch sprechen noch hören, dafür haufenweise Übersetzungen und Grammatik bis zum Abwinken. Ich hielt die Abschlussklausur in den Händen, die meine
Nichte versiebt hat. Ihrer Meinung nach ein klarer Fall von eiskalter, gnadenloser Lehrerrache, aber erstens kann ich das nicht entscheiden und zweitens wimmelt es in der Klausur von Fehlern. Die
Klausur selbst besteht aus einem grammatikalischen Chaos, wild durcheinander gewirbelten Aufgaben über Tempi, Pronomen, Präpositionen, denen kurioserweise die Regel vorangestellt werden. Meine
Nichte ist ausserstande, auch nur einen korrekten französischen Satz von sich zu geben, aber es werden ihr bereits grammatikalische Lösungen abverlangt, an die sich unsereins erst nach dreihundert
Unterrichtsstunden heranwagt. Professionnell kann man das nicht gerade nennen.
Heute versuchte ich ihr zu vermitteln, dass zum passé composé nicht nur Partizipìen, sondern auch Hilfsverben gehören. Nächste Woche fangen wir lieber gleich bei Null an.
von Volker Rivinius
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veröffentlicht in: Mexiko
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Saturday, 13. october 2007
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Als ich noch in deutschen Unis jobbte,
gehörte Camus zu den Examensthemen, die uns regelmässig auf die Palme brachten, uns an unserer armseligen Akademikerexistenz verzweifeln liessen. Wir verfluchten die mangelhafte Kreativität der
Studis und wunderten uns, woher dieses nicht nachlassende Interesse für Camus wie auch für Sartre und Beauvoir stammte. Wir wussten von der kapitalen Bedeutung
dieser Autoren für die 68er, aber gut, inzwischen waren wir fast bei der Jahrtausendwende angelangt, und immer noch kamen die mit ihrem sich-engagieren-müssen, Revolte, Solidarität bla bla
lall...
Camus konnte natürlich nichts dafür, und es gibt ja auch kaum ein radikaleres Buch als Der Fremde. Nur dass ich diesmal zur Vorbereitung für meinen Philosophie-Workshop Die Pest
lesen musste, und da war ich doch erstaunt, wie zähflüssig sich so manche Seiten lasen. Als ein an den gender studies geschulten Literaturwissenschaftler fällt einem übrigens sofort eines ins Auge: die Beseitigung aller weiblichen Akteure. Rieux' Frau wird gleich zu Beginn
des Romans aus der Stadt geschickt, zurück bleiben nur die Mütter-die-nichts-als-Mütter sind. Gerade so als ob man nun, unter Kerlen, sich endlich den wirklich wichtigen Dingen zuwenden könne.
Danach wird es wieder heissen, Philosophen seien kaum verkappte Frauenfeinde (was ja leider Gottes zumindest teilweise stimmt).
Es heisst auch, Die Pest sei eine Allegorie auf das besetzte Frankreich der Nazizeit. Alles schön und gut, aber diese allegorischen Sachen sind auch irgendwo nervig, gerade so, als traue
man der geschätzten Leserschaft die Lektüre eines philosophischen Essais nicht zu und redigiere der Einfachheit halber einen Roman, damit auch jede Null merkt, wo der Hund begraben liegt. Das tut
der Idee des Romans gewiss nicht gut, und wenn man sich's überlegt, der des philosophischen Essais auch nicht besonders.
von Volker Rivinius
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veröffentlicht in: Gelesenes
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Wednesday, 10. october 2007
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05:06
So. Ich lasse die Facebook-Spielerei mal sein, so schwer es mir auch fällt. Ihr wisst ja, wie das ist, mit neuem Spielzeug...
Man hat mir einen neuen externen Kurs aufgeschwatzt, was lange nicht mehr passiert war. Diesmal in einer grossen Schweizer Firma: eine der Angestellten will demnächst nach Quebec auswandern und für
das bevorstehende strenge Auswahlverfahren ihr Französisch trainieren. Dann mal los. Schweiz, Frankreich, Quebec - die Frankophonie scheint ja gut zu funktionieren...
Kaum angekommen, nutze ich die Gelegenheit und frage, warum man seit einiger Zeit im gesamten
Stadtgebiet keinen Nescafé Gold finden kann, von Taster's Choice, dem Luxuslöslichen, ganz zu schweigen. Ich bin mir bewusst, dass die wahren Caffeeliebhaber
mir gleich ein paar hinter die Löffel hauen werden, aber was soll ich denn machen? Ich bin mit dem Zeug gross geworden! Ich brauch das Gebraü! In den mexikanischen Supermärkten ist nur der Nescafé
clasico zu haben, und der ist, wie's der Name nur andeutungsweise verrät, eher zweitklassig als klassisch.
Meine Schülerin bestätigt meine schlimmsten Vermutungen: vom Markt genommen, nicht rentabel. Dazu muss man wissen, sagt sie, dass Mexikaner durchschnittlich nicht mehr als eine halbe Tasse Kaffee
pro Tag konsumieren, mehr nicht. Eine halbe Tasse?! Dann schlucke ich mitunter täglich den Verbrauch eines ganzen michoacanischen Dorfs? Oder aber versteht man unter der halben Tasse "richtigen"
Kaffees einen ganzen Liter jener Affenpisse, die hier vulgo americano genannt wird? Wie dem auch sei, mit Nescafé Gold ist hierzulande Sense, Schluss, aus, basta. Bleibt mir nur, auf
erbarmungsvolle und vor allem weitreisende Seelen zu hoffen, die mir hin und wieder ein Glass - notfalls geschmuggelt - mitbringen könnten. Ich zahle gut. Wenn sich also jemand eine
kleines Zubrot verdienen möchte...
von Volker Rivinius
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veröffentlicht in: Mexiko
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Friday, 28. september 2007
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05:42
Boah, wat bin isch cool! - Kann mich stolzes Mitglied sowohl von hi5 als auch von Facebook nennen, das ist doch was!... Tja, liebe Freunde des
Vergänglichen, so leicht lässt sich der Fortschritt eben nicht aufhalten, und der virtuelle schon gar nicht. Ihr wisst hoffentlich, was das ist, oder? Nicht dass es wieder heisst "was labert denn
der uns für eine Mütze ans Bein?" und das wäre dann gar nicht mehr so cool.
Obwohl ich den Coolnessfaktor von hi5 inzwischen nicht mehr sonderlich hoch schätze. Wie letztens ein Bloggerkollege anmerkte, das ist mehr was für pickelige Teenies. Okay, man muss ja nicht alles
den Teenies überlassen, ob sie nun Pickel haben oder nicht. Schon klar. Das Problem ist vielmehr, hat man erst seinen Ego-Schrein aufgestellt und möglichst viele Freundchen an den Haaren
herbeigezogen, gibt's nicht mehr viel zu tun. Facebook dagegen bietet haufenweise AddOns in den unterschiedlichsten Schattierungen an. Erinnert an die Lego-Kästen von früher, und hey, was haben wir
damals gerne Lego gespielt!
Allerdings weiss ich inzwischen kaum noch, wie ich das ganze virtuelle Zeugs zeitlich bewältigen soll. Ein einziger Blog ist ja schon eine Menge zeitaufwendige Arbeit... Wenn das so weitergeht,
werde ich mich in nicht allzu ferner Zukunft wohl vollständig virtualisieren lassen (können oder gar müssen). Damit wäre auch endlich das angestrebte Ideal unserer Ära verwirklicht: die totale
Transparenz. Mich selbst als ein Haufen ungestümer Bytes durch die Mäander des Webs brausen lassen. Praktisch. Spart Zahnarztkosten.
von Volker Rivinius
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veröffentlicht in: Blogs & virtueller Kram
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Wednesday, 26. september 2007
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18:03
Dramatische Überschrift, ich weiss... Aber eben gerechtfertigt, seit wir erfahren haben, dass unser heissgeliebtes Institut Gefahr läuft, geschlossen zu werden. Es wäre auch
nicht das erste Mal, dass das einer versucht. Nach jedem Amtsantritt eines neuen Kulturattachés geht das Spielchen von vorne los. Diesmal allerdings wird es eng. Natürlich ist wieder alles in nette
Euphemismen gekleidet, Umstrukturierung, Rationalisierung, man wedelt mit der angeblich so defizitären Lage des Instituts herum usw.
Was genau passieren wird, weiss keiner. Möglicherweise wird tatsächlich ein neues Projekt erarbeitet, der Saftladen modernisiert, den Ansprüchen einer inzwischen sprichwörtlichen globalisierten
Welt gerecht. Das wäre dann die positive Variante. Andererseits ist Skepsis angebracht: Projekte erarbeiten, das kann auch schlicht Beschäftigungstherapie sein.
Man braucht nicht viel Phantasie, um sich den Schockzustand besonders altgedienter Kollegen vorzustellen. Eine erste Konsequenz wird wohl sein, dass jeder für sich seine Schäfchen ins Trockene
bringen wird. Der familiäre Flair wird vermutlich wie eine überreife Wassermelone zerplatzen; das bringen solche Ankündigungen nun mal mit sich...
von Volker Rivinius
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veröffentlicht in: Mexiko
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Y tu mamá tambien